Gesellschaft, Politik

Was ist bloß los in Deutschland?

Da wird der Bestseller aus der Nazivergangenheit nach 70 Jahren wieder legal in Deutschland verkauft und das geblendete Land schäumt damals wie heute vor Wut. Dieses Mal nicht auf Juden (davon haben wir ja fast keine mehr…), sondern auf Muslime. Passender kann die Veröffentlichung eines solchen Buches nicht sein. 3.600 Angriffe, die mit der Asylthematik zu tun haben, davon 850 direkt gegen Flüchtlingsunterkünfte oder Flüchtlinge. Die traurige Wahrheit aus der Willkommenskultur in Deutschland. Schüsse, Molotowcocktails, Prügelattacken oder Einschüchterung scheinen wir hinzunehmen. Doch wehe, da klaut ein Flüchtling Handys! Der Deutsche findet zu seinen Wurzeln zurück. Mein Kampf wird zu Unser Kampf, federführend von AfD, CSU und Pegida. Es ist Unser Kampf gegen Veränderungen.

Die deutschen Medien greifen die Stimmung gegen Flüchtlinge und Migranten auf und befeuern sie. Sehr zur Freude der Rechtspopulisten. BILD und FOCUS, eh weniger bekannt für journalistisch tiefgründige und differenzierte Arbeit, sowie Vertreter der offensichtlichen Stimmungsmache sehen sich angesichts des Schutzes der deutschen Frau vor Migranten und Flüchtlingen in der Pflicht und wissen dies selbstverständlich adäquat zu bebildern:

Titelbild des Magazins Focus

Lügen- oder Pinocchiopresse, Begriffe die eher Pegida und AfD zugeteilt werden können, finden nun Einzug in CDU- und SPD-Kreise und somit in die Mitte der Gesellschaft. Die Enttabuisierung von Begriffen und Ausdrücken schreitet somit weiter voran und das Grundgesetz, welches unter anderem die Unantastbarkeit der Menschenwürde (bekommt momentan eine völlig neue Bedeutung) beinhaltet, wird soweit strapaziert, bis es verbal zerrissen ist und nur noch ein Stück wertloses Papier übrig bleibt.

Willkommenskultur für einfache Antworten

Einfache Lösungen für riesige Herausforderungen scheinen in einer globalisierten Welt weniger hilfreich aber in der Gesellschaft durchaus auf fruchtbaren Boden zu treffen, wie der Zuwachs an Rechtspopulisten in Europa sensationell bestätigt.

In China brodelt die Börse, der Westen, er hyperventiliert. Angst vor Absturz, vor Armut, und vor zu großen Veränderungen sind da nicht willkommen. Die Politik weiß das. Das Gewohnheitstier Mensch, es hält nicht Schritt mit schnellen Veränderungen.

Und während der deutsche Ableger des homo sapiens sich in seinem Stillstand doch einfach nur sonnen will, erzeugen die aktuellen Ereignisse in ihm eine panische Angst. Folglich werden diejenigen getroffen, die sprachlich nicht einmal verstehen, was der Deutsche denn überhaupt sagt.

Ein kollektives Verbrechen wie am Kölner Hauptbahnhof zu Beginn des Jahres, kann da als Ventil für den Bürger dienen – ob sozial abgehängt oder gut situiert. Selbstverständlich können Flüchtlinge nichts dafür, dass der Klimawandel unsere Gewohnheiten durcheinanderbringt. Sie können auch nichts dafür, dass wir Obdachlosigkeit auf den Straßen der Großstädte haben oder das ein immer größerer Teil der deutschen Bevölkerung in die Armut rutscht.

Nein, sie können nichts dafür. Sie suchen nur Schutz. Denn im Gegensatz zu den Flüchtlingen können wir sehr wohl etwas dafür, weshalb sich Millionen von Menschen auf die Flucht begeben, wie Elisabeth Raether in ihrem Artikel „Das Ende der Verwöhntheit“ in der ZEIT beispielhaft aufgezeigt hat: „Mit dem mehr als 13 Jahre andauernden Embargo gegen den Irak, das Deutschland politisch und praktisch unterstützte, wurde ein hoch entwickeltes Land in die Armut gestürzt. Nach dem Einmarsch der irakischen Armee in Kuwait 1990 erließ der UN-Sicherheitsrat auf Betreiben der USA umfangreiche Handelssanktionen gegen den Irak. Nichts durfte mehr eingeführt werden, weder Salz, noch Wasserrohre oder Kinderfahrräder, auch keine Geräte zur Produktion von Milchpulver. Schulen wurden geschlossen, in Krankenhäusern fehlten die Medikamente. Die Alphabetisierungsrate, die zuvor eine der höchsten im arabischen Raum gewesen war, sank drastisch. Die Mittelschicht löste sich auf. Einer ganzen Generation wurde jede Chance genommen.“

Menschen, nicht Ethnien begehen Verbrechen

Nun will ich die Vorwürfe in Köln oder auch anderen Regionen Deutschlands sowie Europas nicht relativieren und damit rechtfertigen, dass wir dumme Sachen gemacht haben und sich Flüchtlinge oder Migranten nun selbiges Recht herausnehmen. Doch um eines klarzustellen: Verbrechen gehen nicht von einer einzelnen Ethnie aus, sondern von Menschen. Menschen können Verbrecher werden. Und das aus allen gesellschaftlichen Schichten. Und in der Regel wird niemand von Beruf aus Verbrecher, ebenso wie ein Flüchtling auch nicht Berufsflüchtling ist. Verbrechen passieren oft im Affekt, aus der Not heraus oder etlichen anderen Gründen und sind nicht, wie Herr Sarrazin jetzt bestimmt sagen würde, genetisch veranlagt.

Wenn ein Herr Winterkorn die Welt wissentlich hinters Licht führt und mit einem goldenen Koffer die Türen Volkswagen verlässt, was als Bestrafung für sein Missmanagement angesehen wird, dann ist er ebenso ein Verbrecher, wie jemand der ein Handy entwendet oder sexuelle Übergriffe tätigt. Die Schuldlast sollte dann vom Gericht und nicht der Meute festgelegt werden. Jeder Mensch sollte unabhängig seiner Herkunft, Ethnie oder seines Aussehens die selben Rechte haben. Darauf hat sich Deutschland einmal verständigt. Im Moment aber, so scheint es, nehmen wir dieses Recht auf die leichte Schulter und basteln uns ein Grundgesetzt wie es uns beliebt.

Unser Kampf gegen das vermeintlich Andere ist somit ein schizophrener, wenn nicht sogar perfider Kampf gegen das, was wir dachten seien zu wollen – fortgeschrittene, zukunftsorientierte und freiheitlich denkende Menschen.

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