Politik

Die Stunde der Post-Politiker

Sanders, Trump, Petry, Tsipras, Iglesias, Grillo: In einer der größten Vertrauenskrisen der etablierten Politik samt ihrer Codes, Regeln und Protagonisten gewinnt ein neuer Politiker-Typ zunehmend an Bedeutung: Der Post-Politiker. Gegen das Establishment, radikal, populistisch, mit klarer Sprache. Und sehr beliebt bei allen, die der Politik schon „Good Bye“ gesagt hatten. Bernie Sanders ist 74 Jahre alt. Jung und dynamisch sieht anders aus. Er ist kein Tsipras, Iglesias oder eine Jónsdóttir. Und doch: Der 74 Jährige US-Senator aus Vermont wird innerhalb der US-Demokraten zur Leitfigur einer jungen, amerikanischen Gruppe – den Millennials, der hyperkritischen Befindlichkeits-Generation. Das ist die eine Seite. Doch so wie Sanders die jungen zumeist studierenden Menschen bewegt, so bewegt sein Gegenüber, Donald Trump, eine alternde, zumeist weiße Gesellschaftsschicht. Das ist die andere Seite. Zwei Anti-Establishment Kandidaten mischen den Wahlkampf in den USA auf und hinterlassen zwei ratlose alte Parteien. Sanders und Trump in den USA, Iglesias und Petry in Europa. Ein Anti-Establishment-Zeitalter hat begonnen – Ergebnis offen.

In den USA geht gerade die Zustimmungs-Kurve zu Gunsten von Sanders und Trump beständig nach oben. Spätestens seit der Vorwahl im US-Bundesstaat Iowa wird klar, welch wichtige Rolle beiden zu teil wird. Das sind keine Quartalsirren. Sanders und Trump sind Post-Politiker, wenn man so will. Sie scheren sich nicht um die einstudierten Regeln, Worthülsen, ungeschriebenen Gesetze und Codes. Sie brechen sie bewusst, weil sie wissen, dass eine Mehrheit der Amerikaner mit genau diesen Spielregeln der Politik fertig sind.

Auch in Europa gibt es diesen Trend einer Politiker-Bewegung gegen die Politik. Tsipras in Griechenland, Iglesias von der Podemos-Bewegung in Spanien, Beppe Grillo und seine Fünf Sterne Bewegung in Italien. Und dann natürlich die neuen Rechten rund um Frauke Petry und Co.

Spannend dabei: Der betuchte europäische Norden driftet mit all diesen neuen Typen eher an das rechte Ende des politischen Spektrums. Angst vor sozialem Abstieg, gemischt mit einer Flüchtlingskrise fungiert als Nährstoff für rechte Parteien. Bis auf wenige Ausnahmen erhalten rechtskonservative oder rechtsliberale Parteien deutlichen Zuspruch in Dänemark, Finnland, den Niederlanden und mittlerweile auch Deutschland. Wohingegen der Süden eher nach links rückt, wie Griechenland und Spanien das 2015 eindrucksvoll bewiesen haben. Tsipras links, Petry rechts. Iglesias links, Geert Wilders rechts. Die Post-Politiker sind Anwälte des Extremen.

Die wirklich spannende Frage dabei ist bloß: Ist das nur eine Episode? Ein heftiges Ausschlagen in Zeiten großer Unsicherheiten und Orientierungslosigkeit? Oder erleben wir hier gerade einen Zeitenwandel? Das Aussterben des traditionellen Politiker-Typs?  Das Jahr 2016 wird darauf vermutlich an vielen Stellen eine Antwort geben.

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